Sei gut, Mensch oder sei Gutmensch?

Am Sonntag, den 20.09.2020, wurde der Caritassonntag unter dem Motto „Sei gut, Mensch“ in Oberndorf erlebbar gemacht.

Gebäudefotografie
St. Michael in Oberndorf, Ort für Auftaktgottesdienst und Nachmittagsveranstaltung.

Es fand ein festlicher Gottesdienst, dem Weihbischof Karrer vorstand, statt, der von vier Impulsen unterstützt und von der Band „Tohuwabohu“ peppig mitgestaltet wurde. Es gab aber nicht nur etwas für die Ohren, sondern auch für das Auge wurde gesorgt. So gab es sowohl vor der Kirche als auch im inneren Kirchenraum Installationen, wie z.B. Moria, die auf die Missstände in unserer Zeit aufmerksam machten.

Im Anschluss pilgerte die Gottesdienstgemeinschaft zu einem gemeinsamen Mittagessen ins Don Bosco-Haus. Dort gab es leckeren selbstgemachten Gulasch mit Spätzle von Norbert Keller und eine vegetarische Alternative von der Begegnungs-Gaststätte „Aladin und Frieda“, mit Couscous und italienischem Gemüse.

Nach der Stärkung ging es weiter mit dem sozialethisch orientierten Vortrag von Prof. Dr. theol. Matthias Möhring-Hesse (Sozialethik und Theologische Ethik an der Katholisch theologischen Fakultät in Tübingen) zum Thema „Sei gut, Mensch“.

In diesem machte er auf den Unterschied zwischen dem „Guten Menschen“ und dem „Gutmenschen“ aufmerksam, wobei er beide Begrifflichkeiten als kritisch einstufte. So wird der Begriff des Gutmenschen von vielen, sagt Prof. Möhring-Hesse, als abwertende Bezeichnung denjenigen*derjenigen verwendet, die sich ehrenamtlich für menschenfreundliche Projekte engagieren. Hierbei sei insbesondere die Geflüchtetenarbeit zu erwähnen, welche von vielen Gegnern als „Gutmenschentum“ abgewertet und diffamiert wird. In einigen Schritten zeichnete er die vermeintlichen Gründe für solch eine Abwertung auf, die von der Kritik der Heuchelei bis hin zu Naivität der jeweiligen Gutmenschen beschrieben wird. Man muss sich also als jemand, der*die sich ehrenamtlich engagiert und für andere einsetzt, letztendlich immer rechtfertigen. Dies ist insofern unfair, bemerkt Möhring-Hesse, als dass die anderen, die nur im eigenen Sinne – individualistisch oder egoistisch – handeln, sich nicht rechtfertigen müssen. Da scheint die Motivation völlig klar zu sein. Jemand allerdings, der seine*ihre Kraft für andere einsetzt, muss sich rechtfertigen. Im zweiten Schritt griff er eben jene Kritik am „Gutmenschentum“ auf und setzte auf drei Argumente, welche tatsächlich eine ablehnende Haltung gegenüber dem Engagement rechtfertigen würde, sofern es sich hierbei erstens um die je eigene Selbstprofilierung handle, die das Engagement nur als Umhängeschild umfunktionalisiert. Zweitens die Herablassung der Arbeit von anderen Projekten, da das eigene Projekt immer als das „beste“ verstanden wird. Sowie im Zuge des zweiten Argumentes drittens die Herausstellung der eigenen ehrenamtlichen Arbeit als einzig vernünftige Weise, ehrenamtlich gut zu arbeiten. Diese Praktiken des „guten Engagement“ seien, so sein Schluss, tatsächlich zu verwerfen. Es ist also immer gefordert, dass man sein ehrenamtliches Engagement - auch wenn es offenkundig „gut“ ist – zu rechtfertigen. Hat man dies einmal durchdacht, ist man vor Angriffen pauschaler Diffamierung als „Gutmensch“ gefeit, denn dann ist die eigene Motivation klar und deutlich formuliert.

In seinem dritten Schritt ging es ihm um die Dekonstruktion der Frage nach dem „Guten Menschen“. Kann man überhaupt einen Menschen als gut bezeichnen? Ist dies nicht letzten Endes zu unterkomplex gedacht? Ein Messer ist gut, wenn es gut schneiden kann. Ein Smartphone ist gut, wenn es viele Funktionen besitzt und einfach handhabbar ist. Aber an welchen Eigenschaften macht man die Gutheit eines Menschen fest? Wo ist der Anfang, wo ist das Ende? „Einen guten Menschen gibt es nicht“ – so das Fazit des Tübinger Professors. Allerdings kann man immer von den guten Taten, vom guten Engagement eines Menschen sprechen.

In der weiteren Diskussion, die vom Chefredakteur des Schwarzwälder Boten, Hans-Peter Schreijäg geleitet wurde, wurden einige dieser Aspekte noch weiter vertieft. Neben der eigenen Stellungnahme, wie man „Engagement“ in drei Worten beschreiben könne, wurden die Arbeitsfelder der jeweiligen Podiumsdiskutanten erfragt und am Ende konnte jeder*jede ein Statement zum Engagement während der Corona-Zeit abgeben.

Abschließend bezogen alle Stellung zu der Frage, ob denn gut-sein gleich Christ-Sein bedeute.

Mit Kaffee und Kuchen nahm der Tag noch einen schönen Ausklang bevor sich der letzte harte Kern in den Sonntagnachabend verabschiedete.

Wir danken allen Beteiligten für das tolle Engagement!

Ihr Pastoralteam!